Zulauf - eine sonntägliche Tiergeschichte
- Christian Haase
- 12. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Ihr Lieben,
nichtsahnend stehe ich vor drei Tagen, irgendwann am Nachmittag, unter der Trockenmauer an die ich den Rucola gepflanzt hatte, als ich ein leises Tapsen über mir höre. Auf dem kleinen Pfad, der den Höhenunterschied zwischen zwei Mandarinenterrassen ausgleicht, steht ein kleiner Hund. Irgendwie sind alle Hunde, die keine Doggen oder Bernhardiner sind, kleine Hunde, wenn man sie mit Edda Leones Größe vergleicht.
Der Hund ist eine Hündin. Ich sehe es sofort, weil ihre Zitzen weit nach unten hängen. Einer von den vielen Streunern hat sich also zu mir verlaufen. Diese Hündin hatte ich zuvor noch nie gesehen. Ein symmetrisch in zwei korrekte Hälften geteiltes Schwarz-Weiß Gesicht, ein bisschen Jack Russel, ein bisschen Staffordshire vielleicht, niedlich auf jeden Fall und viel zu dünn. Viel Milch wird sie nicht mehr geben. Sie legt sich auf den Pfad, hechelt mir kurz zu, steht auf und ist verschwunden, bevor ich nur den Platz erreiche. Eigenartig, dass Edda sie nicht bemerkt hatte. Aber die ist bei der Hitze gerade eh lieber im Haus und träumt tief und fest, während sie abwechselnd mal mit der einen, mal mit der anderen Seite auf den kühlen Fliesen liegt.
Ich suche die Hündin noch ein bisschen, ohne viel Elan, finde sie nicht und mach mich wieder an die Pflege des verdammt nochmal nicht wachsen wollenden Rucolas.
Als ich am Abend in der Pizzeria sitze, ein kaltes Bier trinkend, während ich auf mein Essen warte, kommt eine Nachricht von meinem Nachbarn Vittorio rein. Ein Video der Hündin mit einem kleinen Welpen. Vittorio hatte sie auch noch nie gesehen und fragte mich, ob ich sie kennen würde. Vielleicht sogar wüsste, woher sie gekommen sei. Ich kann nur verneinen und erzähle kurz von meiner Erstbegegnung am Nachmittag. Da er das Video zwischen meiner und der Nachbarplantage aufgenommen hat, beschließen wir, abwechselnd Wasser und Futter an der Grundstücksgrenze aufzustellen. Vor allem Wasser.
Nachdem ich aus der Stadt zurück bin, ziehe ich meine Arbeitsschuhe an, das jedenfalls, was davon übrig ist, und begebe mich auf den abendlichen Gieß- und Kontrollgang, als ich unter Juris Trampolin eine Bewegung wahrnehme. Ich kann gar nicht so schnell gucken, wie da ein Welpenhündchen, kleiner als ein Igel, schwanzwedelnd auf mich zuläuft. Es ist aber nicht der cucciolo aus dem Video. Der war schwarz, und dieser hier ist braun. Das Hündchen umkreist meine Schuhe und schleckt den linken großen Zeh, der daraus hervorguckt. Ich schnappe mir den Racker, trage ihn die paar Meter zum nächsten Wasserhahn und mach ihm ersteinmal ein kleines Schälchen Wasser bereit, das es begierig trinkt. Kein Wunder bei der Hitze.
Die nächsten Stunden weicht der Welpe nicht von meiner Seite. Folgt mir wie ein Schatten oder veheddert sich beim Laufen in meinen Füßen. Als es dunkel ist, gegen 21 Uhr schon, sitze ich am großen Tisch im Garten, ein Glas Wein neben dem Laptop und schneide weiter am Hörbuch zur Sternezählentour. Welpi hat es sich unter dem Stuhl bequem gemacht. Das große Handtuch, das nach dem Duschen großflächig von der Lehne baumelt, wirkt wie ein Vorhang und schirmt den Hund ein bisschen vor der Welt ab wie eine Bude, die sich Kinder bauen, um sich vorm Abwasch zu drücken. Als ich kurz vor Mitternacht ins Haus gehe, schläft er da noch immer und kommt mir auch am Morgen von dort ganz aufgeregt entgegen.
Ich überlege noch, was ich jetzt mit dem Racker anstellen soll, als ich meine morgendliche Gießrunde drehe: gefolgt von dem Welpen und einer sichtlich nervösen Edda Leone, die hin und her gerissen ist, was sie jetzt davon halten und auch wie sie sich verhalten sollte. Ein paar Biegungen weiter, treffen wir auf die Mutterhündin und das schwarze Baby. Die beiden rennen sofort auf meinen jungen Gießbegleiter zu und andersrum. Spätestens als sich der Welpe der Mutter an die Zitzen wirft, ist klar, dass das hier gerade eine Familienzusammenführung ist. Bloß Milch kommt keine mehr aus dem hageren Muttertier.
Ich pfeife Edda zu mir und wir setzen unsere Runde fort. Als wir zum Haus zurückkehren, liegen dort die drei Hunde und sind seitdem auch nicht wieder gegangen. Ich schätze, sie haben sich ein neues Zuhause gesucht und wer bin, dass ich sie verjagen könnte? Morgen muss ich erstmal Entwurmung und Flozeugs besorgen, auch gleich für Edda mit. Die ist sehr tapfer und checkt die Situation ganz gut. Ich gebe mir Mühe, die Familie und Edda so weit es geht, voneinander fern zu halten, solange die nicht entwurmt sind. Getrennte Futtergabe, damit kein Neid aufkommt.
Ich nehme Videos auf und schicke sie Caro und Juri nach Deutschland. Mal sehen, ob die Streuner die Freiheit vorziehen, wenn sie satt und außer Gefahr sind, oder ob sie noch hier sind, wenn meine Familie in einer Woche zurückkommt. Ich halte Euch auf dem Laufenden.
Alles Liebe und einen schönen Sonntag noch,
Christian Haase
Soooo Zucker ❤️🧡
... klingt sehr nach Familienzuwachs. Alle Gute und viel Glück für Euch alle.
"Gundi" finde ich auch gut.
Liebe Grüße aus Leipzig, Annett.
"Gundi" ...nenne Ihn "Gundi"..."Gundi " passt immer :D
Na ich weiß nicht - wer ruft seinen Hund schon Batman... Aber immer noch besser als vai oder vattene. Für die Mama schlag ich das freundlich klingende randagi vor.
Die Hundemama hat euch als neues Zuhause für sich und ihre Babys ausgesucht und euch somit quasi adoptiert. Wie schön ist das denn? Es scheint sich unter den Hunden herumgesprochen zu haben, dass Hunde (bis jetzt nur Edda) es bei euch gut haben. Ich wünsche euch, dass Edda sie akzeptiert.